Sex auf der Kreuzfahrt – Polarlicht über dem Balkon
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Die Trennwand zwischen unseren Balkonen hatte unten einen Spalt von einer Handbreite, und durch diesen Spalt kam am dritten Abend ein Zettel zu mir herübergeweht.
Aber ich fange vorne an, bei Tisch zwölf.
Ich bin Jonas, 39 Jahre alt, Kartograf beim Landesamt in Hannover. Ich hatte mir diese Reise selbst zum Vierzigsten versprochen: einmal die norwegische Küste hinauf, Fjord für Fjord, bis über den Polarkreis. Dass ich ein Jahr zu früh und allein fahren würde, stand in keinem Plan. Meine Beziehung war im Frühjahr leise zu Ende gegangen, ohne Streit, so wie eine Straße auf einer alten Karte einfach aufhört, weil niemand sie mehr benutzt.
Das Schiff hieß „Nordstjerne“, achthundert Passagiere, ein Speisesaal mit Teppich in der Farbe von Preiselbeeren. Für Alleinreisende gab es einen eigenen Tisch. Tisch zwölf, am Fenster, sechs Plätze. Am ersten Abend saßen dort ein pensionierter Zahnarzt aus Kassel, zwei Schwestern aus Wien, die sich über jede Speise uneinig waren, und eine Frau, die keinen Hehl daraus machte, dass sie lieber woanders gesessen hätte.
„Ich warne Sie gleich“, sagte sie, als ich mich neben sie setzte. „Ich rede beim Essen nicht über Ausflüge, Rückenschmerzen oder Enkelkinder.“
„Ich habe keine Enkelkinder.“
„Rückenschmerzen?“
„Gelegentlich. Aber ich spreche nicht darüber.“
Sie sah mich zum ersten Mal richtig an. Sehr helle graue Augen unter dunklen, geraden Brauen. Kurze dunkelblonde Haare, an den Schläfen schon silbern. Ein schwarzer Rollkragenpullover, kein Schmuck außer einem schmalen Ring am Daumen. Sie hatte die Hände einer Frau, die mit ihnen arbeitete: kräftig, mit kurzen Nägeln.
„Helene“, sagte sie. „Orgelbauerin. Aus Lübeck.“
„Jonas. Kartograf. Aus Hannover.“
„Ein Kartograf auf einer Kreuzfahrt.“ Ein Mundwinkel ging nach oben. „Sie wissen also immer, wo wir sind.“
„Nur ungefähr. Das Meer ist schlecht beschriftet.“
Da lachte sie. Es war ein kurzes, überraschtes Lachen, als hätte sie es nicht vorgehabt, und die Schwestern aus Wien drehten sich zu uns um.
Helene war 42, das erfuhr ich am zweiten Abend, zwischen Lachs und einer Mousse aus Moltebeeren. Sie baute seit zwanzig Jahren Orgeln und kletterte in Kirchtürmen zwischen Pfeifen herum, die älter waren als jedes Land, in dem sie standen. Die Reise hatte ihr ein Kunde geschenkt, ein Pfarrer in Tromsø, dessen Domorgel sie im Sommer gerettet hatte. „Animation. Ein Kapitänsdinner. Ich wollte nicht“, sagte sie. „Aber man lehnt das Geschenk eines Pfarrers nicht ab, das bringt Unglück.“
Am selben Abend stellten wir fest, dass wir Nachbarn waren. Deck sieben, Kabine 7214 und 7216, beide mit Balkon, ganz am Heck, wo der Gang hinter einem Wäscheraum endet. Wir standen gleichzeitig mit unseren Schlüsselkarten vor den Türen und sahen uns an wie zwei Leute, die sich im Wartezimmer wiedertreffen.
„Gute Nacht, Herr Kartograf.“
„Gute Nacht, Frau Orgelbauerin.“
Die Balkone lagen nebeneinander, getrennt durch eine Wand aus mattem Milchglas und weißem Metall, die vom Boden bis über Kopfhöhe reichte. Man sah nur Kielwasser und Himmel. Es waren die letzten beiden Kabinen des Decks, und niemand außer uns hatte von hier aus Sicht auf irgendetwas.
In der ersten Nacht hörte ich sie auf ihrem Balkon. Ein Feuerzeug, das nicht anging. Ein leiser Fluch. Dann nichts mehr, nur das Rauschen des Wassers.
„Es ist zu windig“, sagte ich, ohne nachzudenken, laut genug für die andere Seite.
Eine Pause. „Ich rauche nicht. Ich wollte nur eine Kerze anzünden.“
„Warum?“
„Weil es jemand sehen sollte, der nicht mehr da ist.“
Ich fragte nicht weiter. Aber wir blieben beide noch eine Stunde draußen stehen, jeder auf seiner Seite der Glaswand, und als ich endlich hineinging, sagte sie leise „Danke“, und ich wusste nicht genau, wofür.
Am Tag darauf liefen wir in den Geirangerfjord ein. Ich kannte ihn als blaue Linie zwischen eng gedrängten Höhenlinien, und nichts davon hatte mich auf ihn vorbereitet. Felswände, die senkrecht aus dem Wasser stiegen. Wasserfälle wie weiße Fäden. Ein Wasser so grün und still, dass das Schiff darin wie eine Spielzeugente aussah. Helene stand neben mir an der Reling, die Hände in den Taschen ihres Parkas.
Sie lehnte sich ein Stück zu mir, so dass unsere Schultern sich berührten. Durch zwei Lagen Funktionsstoff hindurch spürte ich das kaum, und trotzdem dachte ich den ganzen Nachmittag daran.
Am dritten Abend kam der Zettel.
Ich saß in eine Wolldecke gewickelt auf meinem Balkon, als ein Stück Papier unter der Glaswand hindurchrutschte. Ein Blatt aus einem Notizbuch, kariert, darauf mit Bleistift eine Zeichnung: zwei Rechtecke nebeneinander, getrennt durch einen dicken Strich. In dem einen Rechteck ein Strichmännchen mit Becher, im anderen ein Strichmännchen mit Kerze. Darunter: „Maßstab ungenau. Bitte korrigieren.“
Ich holte einen Stift. Ich zeichnete das Ganze sauber nach, mit Nordpfeil, Legende und Maßstabsleiste, und in die Legende schrieb ich: „Trennwand: überwindbar. Siehe Tür, Gang, Kabine 7214.“ Dann schob ich das Blatt zurück.
Eine Minute lang hörte ich nichts. Dann ein Lachen, gedämpft durch das Glas.
„Nicht heute“, sagte sie. „Aber das ist die schönste Karte, die mir je jemand gezeichnet hat.“
„Wann dann?“
„Wenn ich nicht mehr daran denke, dass ich eine Kerze anzünden wollte.“
Wir redeten danach noch lange. Über ihren Lehrmeister, der im Februar gestorben war, mitten in einer Stimmung, die Hände noch auf den Tasten. Für ihn war die Kerze. Über meine Karten und die Stellen darauf, an denen ich manchmal kleine Fehler einbaue, eine Straße, die es nicht gibt, einen Weiher, den nur ich kenne.
„Damit man erkennt, wenn jemand abschreibt“, erklärte ich.
„Sie verstecken Lügen in Ihren Karten.“
„Nur kleine. Und nur zum Schutz.“
„Dann tue ich das auch“, sagte sie. „In jeder Orgel, die ich baue, ist eine Pfeife, die nichts spielt. Sie steht nur da. Ganz hinten, wo niemand hinsieht. Es ist meine.“
Am fünften Tag überquerten wir den Polarkreis. Es gab eine Zeremonie an Deck mit einem Löffel Lebertran für jeden. Helene trank den Lebertran ohne eine Miene zu verziehen und sah mich so herausfordernd an, dass ich ihn auch trinken musste. Er schmeckte, wie alte Fischerboote riechen. Sie lachte so sehr, dass sie sich an meinem Arm festhalten musste, und ließ ihn danach nicht mehr los.
An diesem Abend gab der Kapitän durch, die Chancen auf Polarlicht stünden hervorragend. Wer geweckt werden wolle, solle sich an der Rezeption eintragen.
„Tragen Sie sich ein?“, fragte Helene beim Dessert.
„Ja.“
„Ich auch.“ Sie legte ihre Gabel weg. „Jonas. Wenn das Telefon klingelt, komm nicht zu mir. Ich komme zu dir. Auf deinen Balkon.“
Es war das erste Mal, dass sie mich duzte. Unter dem Tisch suchte ihre Hand meine und fand sie und blieb dort, während der Zahnarzt aus Kassel von seiner Hüfte erzählte.
Das Telefon klingelte um 1:52 Uhr.
Ich lag angezogen auf dem Bett und wartete, und als die Stimme vom Band sagte, dass am nördlichen Himmel Polarlicht zu sehen sei, stand ich schon an der Tür. Ich hatte sie gerade geöffnet, da stand Helene im Gang. Sie trug ihren Parka über etwas Langem, Dunklem, und war barfuß. In der Hand hielt sie die Wolldecke von ihrem Bett.
„Hallo“, sagte sie.
„Hallo.“
Sie ging an mir vorbei, durch die Kabine, schob die Balkontür auf und trat hinaus. Ich folgte ihr.
Und dann sahen wir es beide und sagten lange nichts.
Der Himmel brannte. Nicht rot, nicht wie ein Feuer, sondern grün, ein kaltes, leuchtendes Grün, das in breiten Bändern von Horizont zu Horizont lief und sich bewegte, langsam, wie Vorhänge in einem Luftzug. An den Rändern franste es ins Violette aus. Manchmal schoss ein Strahl senkrecht nach oben, so hell, dass sich das Licht auf dem schwarzen Wasser spiegelte.
„Es sieht aus wie Musik“, sagte Helene schließlich. Ihre Stimme war ganz leise. „Wie eine Orgel, wenn man alle Register zieht.“
Ich stellte mich hinter sie und legte die Decke um uns beide. Sie lehnte sich gegen meine Brust. Ihr Haar an meinem Kinn roch nach Meer und Rosmarin.
„Ich habe heute Abend keine Kerze angezündet“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Ich habe nicht einmal daran gedacht. Erst eben, im Gang.“ Sie drehte sich in meinen Armen um, bis sie mir ins Gesicht sah, die Decke um unsere Schultern, das grüne Licht in ihren hellen Augen. „Ich will dich küssen, Jonas. Und dann will ich mit dir schlafen. Hier, heute Nacht. Willst du das auch?“
„Ja“, sagte ich. „Seit Tisch zwölf.“
Sie küsste mich. Ihre Lippen waren kalt vom Wind und wurden sofort warm. Sie küsste genau, aufmerksam, so wie sie wahrscheinlich eine Pfeife stimmte: hinhören, nachgeben, noch einmal hinhören. Ich vergaß den Himmel.
Ich schob meine Hände unter ihren Parka. Darunter trug sie ein langes Nachthemd aus dünner Baumwolle und nichts sonst. Ich spürte ihre Taille, die Wärme ihrer Haut durch den Stoff, und als meine Hände höher wanderten, über die Rippen, bis unter ihre Brüste, atmete sie hörbar ein.
„Weiter“, flüsterte sie.
Ich umfasste ihre Brüste. Sie waren klein und fest, und die Brustwarzen standen hart unter der Baumwolle, vom Wind oder von mir oder von beidem. Ich strich mit den Daumen darüber, und sie biss mir sanft in die Unterlippe. Dann zog sie mir den Pullover hoch, einfach so, und legte ihre kalten Hände auf meinen Bauch, und ich zuckte zusammen und lachte in ihren Mund.
„Rache für den Lebertran“, sagte sie.
Wir hielten es draußen nicht lange aus. Es waren vielleicht drei Grad, und der Fahrtwind fuhr uns unter die Decke. Aber ich ließ die Balkontür offen und die Vorhänge zurückgezogen, und als wir hineingingen, lag das Polarlicht wie ein bewegtes grünes Tuch über der ganzen Kabine. Es spiegelte sich im Fenster, auf der weißen Bettwäsche, auf ihrer Haut, als sie den Parka von den Schultern gleiten ließ und dann, mit einem einzigen Griff, das Nachthemd über den Kopf zog.
Sie stand nackt vor mir, und sie versteckte sich nicht. Sie war schlank, mit breiten Schultern vom Klettern in Kirchtürmen und kräftigen Oberschenkeln. Über ihrer rechten Hüfte zog sich eine lange, helle Narbe, und zwischen ihren Beinen war sie dunkelblond und nicht rasiert. Das grüne Licht floss über sie hinweg, als würde jemand sie langsam zeichnen.
„Jetzt du“, sagte sie.
Ich zog mich aus. Meine Hände waren nicht ganz ruhig. Als ich die Jeans heruntergeschoben hatte, stand mein Schwanz hart vor mir, und sie sah ihn an, ganz offen, ohne ein Lächeln, mit einem Blick, der mich noch härter machte. Dann trat sie zu mir und nahm ihn in die Hand. Ihre Finger waren warm geworden. Sie hielt ihn eine Weile nur fest, ohne sich zu bewegen, und sah mir dabei ins Gesicht.
„Du zitterst“, sagte sie.
„Du auch.“
„Ich weiß.“
Wir fielen aufs Bett. Das Bett war schmal, wir lagen Haut an Haut und küssten uns, bis ich nicht mehr wusste, wo ihr Atem aufhörte und meiner anfing. Ich küsste ihren Hals, ihre Schlüsselbeine, nahm eine Brustwarze zwischen die Lippen und saugte, und sie bog sich mir entgegen und griff mir in die Haare. Ich küsste die Narbe an ihrer Hüfte, und sie hielt still.
„Ein Gerüst in Stralsund“, sagte sie. „Vor zehn Jahren. Bin seither nie wieder ohne Sicherung geklettert.“
„Gut.“
„Jonas.“ Sie zog an meinen Haaren, ganz leicht. „Ich will deinen Mund. Da unten.“
Ich glitt an ihr hinunter. Sie öffnete die Beine für mich, und ich legte meine Hände unter ihre Schenkel und sah sie einen Moment lang einfach an, die feuchten, dunklen Lippen im grünen Licht. Dann küsste ich sie. Erst die Innenseite der Schenkel, dann die weiche Haut daneben, dann, ganz langsam, ihre Schamlippen. Sie schmeckte salzig und warm und ein bisschen nach dem Meer, das uns seit fünf Tagen umgab. Ich zog die Zunge durch sie hindurch, von unten nach oben, und als ich ihren Kitzler fand, stöhnte sie laut auf und presste sich die eigene Hand vor den Mund.
„Hier hört dich niemand“, sagte ich gegen ihre Haut. „Nebenan ist nur deine leere Kabine. Und auf der anderen Seite der Wäscheraum.“
Sie nahm die Hand weg.
Ich leckte sie lange. Ich ließ mir Zeit, so wie sie sich beim Küssen Zeit gelassen hatte, hörte hin, wann sie die Luft anhielt, wann sie die Hüften hob, wann ihre Schenkel an meinen Ohren zu zittern begannen. Ich schob zwei Finger in sie, langsam, und sie war so nass, dass sie widerstandslos hineinglitten, und ich spürte, wie sie sich um sie schloss. Ich bewegte sie in ihr, krümmte sie leicht nach vorn, und saugte gleichzeitig an ihrem Kitzler, und sie sagte meinen Namen, einmal, zweimal, und dann gar nichts mehr. Sie kam mit einem langen, tiefen Ton, der aus ihrer Brust kam, und ihre Hände krallten sich ins Laken, und hinter dem Fenster schoss ein heller Strahl grünen Lichts über den Himmel, als hätte jemand mit dem Finger darauf gezeigt.
Ich kam zu ihr hoch. Sie lag mit geschlossenen Augen da und lachte leise.
„Was?“
„Ich habe den Kapitän verflucht. Für die Animation. Und das Kapitänsdinner.“ Sie öffnete die Augen. „Ich nehme alles zurück.“
Dann griff sie nach meinem Schwanz und hielt ihn fest, und das Lachen verschwand aus ihrem Gesicht.
„Hast du Kondome?“
„In der Kulturtasche. Ich habe sie in Kiel an der Tankstelle gekauft. Ich habe mich dabei ziemlich lächerlich gefühlt.“
„Du warst nicht lächerlich. Du warst vorausschauend.“ Sie schob mich von sich. „Hol sie.“
Als ich zurückkam, kniete sie auf dem Bett, die Hände auf den Oberschenkeln, und wartete. Sie nahm mir das Kondom aus der Hand, riss die Packung mit den Zähnen auf und rollte es mir über, mit derselben Konzentration, mit der sie wahrscheinlich ein Ventil einsetzte. Dann drückte sie mich auf den Rücken und setzte sich auf mich.
„Ich will dich so“, sagte sie. „Ich will dabei aus dem Fenster sehen können.“
Sie nahm mich in sich auf. Langsam. Sie war heiß und eng und noch geschwollen von ihrem Orgasmus, und ich hielt den Atem an, bis sie ganz auf mir saß. Sie blieb so sitzen, die Hände auf meiner Brust, den Kopf zum Fenster gedreht, und das Polarlicht lag auf ihrem Gesicht und auf ihren Brüsten und bewegte sich, obwohl sie ganz still war.
Dann begann sie, sich zu bewegen.
Erst kaum merklich. Ein Kreisen der Hüften, ein leichtes Anheben und Senken. Dann schneller. Sie stützte sich auf meine Brust und ritt mich, und ich hielt ihre Hüften und hob mich ihr entgegen, und das schmale Bett knarrte im Takt, und unter uns stampfte die Maschine des Schiffs, und alles schien im selben Rhythmus zu laufen. Ich sah ihr ins Gesicht. Ihre Lippen standen offen, die Augen halb geschlossen. Sie war wunderschön, und sie wusste nicht einmal, dass ich sie ansah, so tief war sie in sich selbst.
„Fester“, sagte sie. „Halt mich fester.“
Ich packte ihre Hüften fester und zog sie auf mich herunter, und sie stöhnte auf, und ich setzte mich auf, schlang die Arme um sie und küsste ihren Hals, ihre Schulter, und sie ritt mich jetzt in meinen Armen, Brust an Brust. Ich griff zwischen uns und fand ihren Kitzler mit dem Daumen und rieb ihn in kleinen Kreisen.
„Ja“, keuchte sie. „Genau so. Hör nicht auf.“
Ich hörte nicht auf. Ich spürte, wie sie sich um mich zusammenzog, wie ihr Atem stockte, wie ihre Fingernägel sich in meinen Rücken gruben. Sie kam ein zweites Mal, heftiger als beim ersten, mit dem Gesicht an meinem Hals, und das Zucken ihres Körpers um meinen Schwanz war zu viel. Ich kam mit ihr, tief in ihr, mit einem Laut, den ich nicht von mir kannte, und hielt sie so fest, dass wir beide kaum Luft bekamen.
Lange saßen wir so da, ineinander verschlungen, schweißnass in einer Kabine, in der es inzwischen eiskalt war, weil die Balkontür noch immer offen stand.
„Wir sollten die Tür zumachen“, sagte ich irgendwann.
„Gleich“, sagte sie. „Sieh mal.“
Am Himmel verblasste das Grün. Es zog sich zusammen, wurde schwächer, ein letztes violettes Flackern am Horizont, und dann waren da nur noch die Sterne und das Kielwasser und das Brummen der Maschinen.
Den Rest der Reise verbrachten wir in Kabine 7214. Ihre eigene betrat Helene nur noch, um sich etwas anzuziehen. Wir verpassten den Ausflug zum Nordkap und bereuten es nicht. Wir liebten uns morgens, wenn die Möwen hinter dem Heck kreischten, und nachmittags, wenn das Schiff an roten Holzhäusern vorbeizog. An Tisch zwölf saßen wir nebeneinander, und die Schwestern aus Wien warfen sich vielsagende Blicke zu, und der Zahnarzt aus Kassel bemerkte nichts.
In Tromsø nahm sie mich mit in die Kathedrale. Sie hatte einen Schlüssel. Es war früh am Morgen, die Kirche leer, und sie stieg auf die Empore und spielte für mich. Bach. Ich verstehe nichts von Orgeln, aber ich stand unten in den Bänken, und der Ton ging mir durch die Brust wie das Polarlicht durch den Himmel.
„Wo ist deine Pfeife?“, fragte ich danach. „Die, die nichts spielt?“
Sie lächelte. „Das verrate ich niemandem.“
Am letzten Abend, auf meinem Balkon, gab ich ihr eine Karte. Ich hatte nachts heimlich daran gezeichnet. Die norwegische Küste, Fjord für Fjord, die Route des Schiffs als gestrichelte Linie. Am Geirangerfjord sieben kleine Wasserfälle und ein einsamer achter. Am Polarkreis ein Löffel. Und kurz vor Tromsø, mitten im Meer, ein winziger grüner Bogen, eingezeichnet mit einem Stift, den ich in Bergen gekauft hatte.
„Was ist das?“, fragte sie und zeigte auf den Bogen.
„Das ist die Lüge in dieser Karte“, sagte ich. „Eine Insel, die es nicht gibt. Damit man erkennt, wenn jemand abschreibt.“
„Wie heißt sie?“
Ich zeigte ihr die Legende. Ganz unten, in meiner kleinsten Schrift, stand: „Kabine 7214. Maßstab ungenau. Bitte wiederholen.“
Helene sah lange auf das Papier. Dann faltete sie es zusammen, sehr sorgfältig, an den richtigen Kanten, und steckte es in die Innentasche ihres Parkas.
„Lübeck ist drei Stunden von Hannover“, sagte sie. „Und im Dezember stimme ich eine Orgel in Hildesheim. Das liegt fast auf dem Weg.“
„Fast?“
„Für einen Kartografen wäre das ein Umweg“, sagte sie. „Für eine Orgelbauerin ist es genau die richtige Strecke.“
Sie küsste mich, und hinter ihr, über dem Kielwasser, flackerte noch einmal ganz schwach etwas Grünes auf. Vielleicht war es das Polarlicht. Vielleicht war es auch nur die Positionslampe am Heck. Ich habe es nicht in die Karte eingetragen. Manche Dinge muss man nicht beschriften, um zu wissen, wo sie liegen.
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